Mittwoch, 18. Dezember 2013

„… die Gier kennt kein Ende.“




„Es scheint an der Zeit, aufzuhören von "dem Kunstmarkt" zu sprechen. Man spricht ja auch selten vom Lebensmittelmarkt. Es gibt Biobauern, und es gibt Nestlé. Es gibt Volker Diehl, und es gibt Larry Gagosian. Es gibt den Kunsthandel, und es gibt die Kunstindustrie, in deren Konzernen sich Kapital und Macht inzwischen ähnlich konzentrieren wie in der Musik- und der Filmindustrie. Und so wie Konzerne Märkte monopolisieren und junge Marken aufkaufen, greifen die sogenannten Megagalerien Künstler ab, die von kleineren Konkurrenten über Jahre aufgebaut wurden - mit dem Unterschied, dass diese ihnen freiwillig zulaufen; dass es für die Aufbauarbeit keine Verträge gibt und schon gar keine Ablösungssumme.“

Ein – wie ich finde – unglaublich deprimierender Artikel von Kolja Reichert in der Zeit.

Eigentlich unvorstellbar. Unfassbar. Beschämend.


Im Gegenzug möchte Georg Seesslen in der taz die Kunst (mal wieder) ganz abschaffen. Nun gut. Er meint es rhetorisch:

„Dass im verschärften Neoliberalismus des Jahres 2013 auch der Kunstmarkt nach den Gesetzen und noch mehr nach der Gesetzlosigkeit dieses verschärften, apokalyptischen Kapitalismus funktioniert, das wundert natürlich nicht. Verwundern könnte höchstens, wie wenig die Kunst selbst, die Kritik und der Betrieb dagegen Widerstand leisten.“



Kommentare:

Klaus hat gesagt…

Seesslen spricht mir da aus dem Herzen, auch mich wundert es immer wieder, wie widerstandslos sich alle fröhlich den Marktgesetzen unterwerfen und die Spielregeln des Neoliberalismus verinnerlicht haben. Ich erinnere mich, dass ein Studienkollege einmal die Idee hatte, vor dem Hauptbahnhof einen Stand aufzubauen, um dort seine Graphiken und Zeichnungen einen Tag lang zu verschenken. Was nichts kostet ist nichts wert? Nur wenn du viel kostest, bist du was? Ist das jetzt nix, weil das so günstig ist? Und es wird ja an den Kunsthochschulen auch so gelehrt: Wie vermarkte ich mich (sic). In Karlsruhe in der Balkenhol-Klasse wird den Studenten auch bereits beigebracht, nichts unter einem bestimmten Betrag auf den Markt zu werfen. Seesslen hat recht: Schafft die Kunst ab!

Armin hat gesagt…

Sollten wir nicht eher die Börsen abschaffen? Spekulanten? Banken? Den Kapitalismus?

Am besten gleich das ganze Geld!

Armin hat gesagt…

Gegen Verschenken habe ich nichts. Aber auch nichts gegen Verkaufen.

Ich habe was gegen Größenwahn.

Es ist traurig, was so alles passiert. Auf diesem Markt.


Klaus hat gesagt…

Die Banken abschaffen usw. usf., den bösen Kapitalismus usw. usf., alles prima Vorsätze, die aber für mein Empfinden dem üblichen Reflex folgen: die anderen sind es, die anderen sind die Bösen, nicht ich. Wir sind Bestandteil des Problems. Wir sind der Kapitalismus. Spekulanten und Börsen abschaffen, alles prima, aber wie sehr haben wir denn die Marktmechanismen als Bewertungskriterien verinnerlicht? Und hier könnte tatsächlich die Kunst einen wichtigen Beitrag leisten, sich verweigern und nicht mitspielen. Ich habe gestern grade eine Rundfunksendung gehört, da ging es um öffentliche Kritik an Politikern, mit dem Tenor. heute geäußerte Kritik, heute vollzogene Rücktritte fußten überwiegend auf persönlichen Verfehlungen, persönlichen Mankos, kaum noch auf politisch-inhaltlichen Gründen. Und heutige Gespräche über Kunst sind Gespräche über den Markt oder Vermarktung, kaum über inhaltliche oder formale Fragestellungen. Mich langweilt das zutiefst.