Donnerstag, 4. Dezember 2008

Über Malerei






Manchmal, während des Arbeitens – ich sage jetzt nicht, während des Malens – gehen mir Fragen durch den Kopf; zum Beispiel:

„Wann findet Malerei eigentlich statt?“ oder „Wann ist Malerei?“

Ist Malerei eine Tätigkeit?
Ist Malerei das Ergebnis einer Tätigkeit?

Ist schon die Vorbereitung zu dieser Tätigkeit Malerei?

Ist das Nachdenken über diese Tätigkeit auch Malerei? Ist etwa das Erzählen über das Nachdenken Malerei?
Ist das Nachdenken, Erzählen & Reden über das Ergebnis dieser Tätigkeit – also über ein Bild – auch Malerei?

Welche Tätigkeit meinen wir überhaupt? Beginnt Malerei mit dem Zeitpunkt, wo der mit Farbe getränkte Pinsel die Leinwand berührt & dauert so lange, bis sämtliche Farbe auf der Leinwand verschmiert ist? Oder beginnt Malerei schon mit dem Mischen von Farbe auf der Palette, auf einem Stück Pappe oder auf dem Fußboden vor der Leinwand? Oder mit dem Nachdenken, mit dem Vordenken, mit dem Planen und Entwerfen, mit dem Verwerfen?

Beim Reinigen der Pinsel denke ich nach. Ich sitze am Waschbecken, betrachte das Ergebnis meiner Arbeit und während des Betrachtens male ich weiter – vor meinem geistigen Auge – so sagt man. Ist das Malerei? Pinsel waschen, nachdenken?

Sind es die Pausen? Die Pausen zwischen dem Mischen der Farbe und dem Auftragen der Farbe? In diesen Pausen denke ich auch über Malerei nach. Über Bilder. Über gemalte Bilder – von mir gemalte Bilder. Oft sitze ich längere Zeit in meinem Malerstuhl im Atelier – vor einem Bild oder der weißen Wand – und stelle mir Bilder vor, die ich malen werde.

Aber auch Bilder, die andere vor mir gemalt haben.

Andere wie Vermeer, Velasques; manchmal Munch. Auch Mantegna. Nie über Kandinsky. Über Kandinskys Malerei denke ich nicht nach. Surrealismus ist eine Strömung, durch die ich auch geschwommen bin. Aber mittlerweile habe ich mich schon lange in anderen Einfüssen getrocknet. Hockney. Gestern zum Beispiel habe ich an Jim Dine gedacht. An Jim Dines Malerei.

Oder ist es das Träumen von Bildern, nachts, während des Schlafens? Von noch nicht gemalten Bildern. Von oft gesehenen Bildern. Ist Malerei das Träumen vor Bildern – also während des Betrachtens von Bildern?

Träumen von nicht gemalten Bildern bedeutet für mich auch: Ich wünschte mir, dieses oder jenes Bild so oder so zu malen; gelungen ist mir das aber noch nie.

Dann frage ich: „Warum malst Du nicht das, was Du in der Nacht vor Deinem geistigen Auge gesehen hast?” Oft beginne ich ja mit der Absicht, mit dem Plan, ein erträumtes Bild zu malen. Aber dann wird doch wieder alles anders. Ist das Unfähigkeit?

Eigentlich quäle ich mich, während der Pinsel über die Leinwand zieht, wenn ich die weiche, noch feuchte Ölfarbe furche. Es ist ein quälender, ermüdender Prozess. Außerdem ist es stinklangweilig. Gelegentlich sagt jemand: „Ich würde Dir gerne nur einen Tag zugucken, während Du malst.“

Verrückt. Sollen lieber spazieren gehen mit der Geliebten oder mit den Kindern spielen in der Zeit, die Leute.

Eben. Ich verbringe mehr Zeit damit, genau diesen Moment vorzubereiten: der Moment, an dem ich den Pinsel über die Fläche der Leinwand führe. Und anschließend denke ich darüber nach. Nachdenken kann lange dauern.

Vielleicht male ich deswegen. Ein Bild nach dem anderen. Weil ich von Bildern träume und über sie nachdenken kann.

Wenn ein Bild fertig ist, bin ich glücklich; aber nur dann. Wenn ich mich beim Betrachten eines Bildes freue, ist es fertig. Ich nehme mir nie vor, das Bild fertig zu malen. Es ist das Bild, was mich überrascht und sagt: „Hör auf! Ist gut! Mach Schluss! Geh spazieren mit der Geliebten oder spiele mit den Kindern!“

Dann bin ich erleichtert und denke: „Wie gut, dass Du Dich so gequält hast!“

Es kommt vor, dass ich nicht auf das Bild höre und ein wenig zuviel male. Dann bin ich einen Tag später damit beschäftigt, die Spuren des Malereiüberschusses mit den Mitteln der Malerei zu beseitigen. Oder ich kratze alles ab, wasche alles mit Terpentin runter. War das unnötige, nichtsnutzige Malerei?

Das ärgert mich. Ich weiß nicht, ob ich den Gedanken, der im Bild war, noch einmal fassen kann. Nein – ich weiß, dass ich den Gedanken nie wieder fassen kann. Er ist weg. Flüchtig. Einmal, für deine winzige Ewigkeit, war er im Bild und ich habe nicht gehört, nicht gesehen, nicht nachgedacht, war zu schnell; zu schnell gemalt.

Ich habe den Gedanken mit Farbe zugeschmiert. Zugemalt. Besser, ich hätte vorher gedacht, über den nächsten Schritt nachgedacht. Über Malerei nachgedacht. In Gedanken gemalt. Gott sei Dank gibt es viele Gedanken. Viele winzige Ewigkeiten. Manche kann ich dann doch festhalten. Das ist schön.

Möglicherweise liegen die Antworten dieser Fragen im Bild. Das Bild zeigt die Zeit, in der Malerei stattgefunden hat. Und sie findet weiterhin statt.

Malerei ist eine Haltung. Wenn du Maler bist, malst du ständig. Das ist das praktische an der Malerei. Egal, ob die Augen geschlossen sind oder geöffnet.

Dieses Jahr habe ich viel über Malerei nachgedacht.



Kommentare:

klaus hat gesagt…

Kandinsky war mir immer fremd, ebenso. Munch: yesjawoll. Velasquez: yesjawollebenso. Aber auch andere natürlich. Habe mit meinem guten Freund Stephan mal einen Abend damit verbracht (das war eigentlich der Anfang unserer künstlerischen Zusammenarbeit), die Bider eines Kunsttagesabreisskalenders dahingehend zu besprechen: gefällt mir, finde ich gut, klasse, umwerfend, zum Kotzen. Das hat viel sortiert und uns näher gebracht an einem Punkt, wo man dachte: nee, jetzt versteh' ich garnix mehr... Und ein sehr unterhaltsamer Abend war es natürlich auch.

Was die Überlegungen angeht, was nun Malerei sei und wann sie beginnt und alles, musste ich - natürlich - an Hans Carl Artmann denken, den Wiener Dichter, der die Frage stellte, ob jemand auch ein Dichter sein könne, auch ohne dass er je eine einzige Zeile geschrieben hat. Er kommt zu dem Schluss, dass das Poetische eine Haltung sei, folglich muss das Dichten keine Spur auf irgendeinem Zettel hinterlassen um ein Dichten zu sein. So oder so ähnlich.

Übrigens wäre mir H.C. Artmann ohne Stephan kaum ein Begriff...

Armin hat gesagt…

Das gefällt mir.

Malerei ist eine Haltung. Darüber habe ich auch schon oft nachgedacht.

Artmann ist übrigens ein schöner Name für einen Sprachartisten.

Auch wenn er leider schon tot ist.

karl gumbricht hat gesagt…

Malerei ist eine Haltung. Wie aber hält sich ein Maler? Andere sprechen von Berufung wenn sie z.B. Lehrer sind oder Juristen oder so. Aber von Berufung sprechen Sie ja gerade und mit Absicht nicht. Und Artmann, wie wir oben lesen können, auch nicht. Diese Haltung interessiert mich. Was macht sie aus? Wer hält wen? usw.

Ich habe ihren Text gern gelesen.
So wie ich ihre letzten Arbeiten gern verfolgt habe.

Armin hat gesagt…

@ Karl Umbricht:

Vielen Dank für die Verfolgung!

Berufung … das klingt auch ein bisschen nach Schicksal, glücklicher Fügung. Etwas, was einem von außen angetragen wird oder vielleicht fühlt man sich auch ein wenig berufen, von wem oder was auch immer …

Für andere bedeutet Malerei auch so etwas wie Lifestyle; ein Attribut, was schmückt & am Revers getragen werden kann.

So gesehen fühlte ich mich nie berufen.

Haltung – darunter verstehe ich etwas Innerliches, etwas Verinnerlichtes – auch etwas Selbstverständliches.

Meine Malerei sucht. Tastet. Fragt. Wie verhalte ich mich? Wie beschreibe ich mein Verhältnis zur „Welt” ? Wie denke ich über die „Welt”?

Im Ergebnis zeigt die Malerei meine Haltung zur „Welt”; sie ist eine Methode, mit der ich vielleicht einen fort laufenden Selbstvergewisserungsprozess dokumentiere.

Für den Betrachter allerdings ist das uninteressant.

gerd hat gesagt…

Ich hab deinen Text gerne gelesen. Vieles erlebe ich auch so.



Is alles nich so einfach.

klaus hat gesagt…

Diese Haltung ist eine Art Grunddisposition. Eine Art, der Welt zu begegnen und mit ihr umzugehen. Das einzige Talent des Künstlers besteht vielleicht darin, wachsam zu bleiben. Dieser Satz fiel diese Woche in einem Telefonat. Dies schien mir wahr und wichtig. Ärzte können sich berufen fühlen, Politiker im schlimmsten Falle auch...aber man muss in diesen Berufen nicht wachsam sein. Man sollte wach sein, wenn man jemanden operiert, aber man kann dann abends nachhause gehen, sich vor die Glotze setzen und sein Bier trinken. Der Künstler dagegen ist immer im Dienst.

Armin hat gesagt…

… vergleichbar mit, z. B., dem Papst.

Einmal Papst, immer Papst.


Trotzdem alles nicht so einfach ist – ich wüsste nicht, was ich sonst mit dem größten Teil meiner Zeit anfangen sollte …

klaus hat gesagt…

Genau.