Mittwoch, 2. April 2008

Verfluchter Wandel!


Ohne Titel, 2008
Bleistift, Markertuscheverunreinigungen auf Papier, 29,7 x 21 cm


Missionieren im Business


Künstler (K.) im Gespräch mit dem Leiter oder der Leiterin (L.) einer kleinen kommunalen oder städtischen Galerie irgendwo in der deutschen Provinz (so oder so ähnlich):

L.: […] K.! Ich freue mich, dass Sie in unseren schönen Räumen ausstellen werden […]
Falls Sie jemanden kennen, der ein paar Worte über Ihre Arbeit verlieren kann – kein Problem. Dafür stellen wir einen Etat von 300 Euro zur Verfügung.
In aller Regel bieten wir hier während der Vernissage Musikern aus der Region die Gelegenheit, ein bisschen Geld zu verdienen – 200 Euro – zwischen den Ansprachen & im Anschluss an die Eröffnung, so ein bisschen Hintergrundmusik als Untermalung. Das letzte Mal hatten wir zwei Jazzer; wenn Sie möchten, stelle ich gerne den Kontakt her …

K. hasst Hintergrundmusik – egal ob im Fahrstuhl oder im Baumarkt. Er hasst akustische Untermalungen, ganz besonders während seiner Vernissagen. Mit einem betretenen Lächeln stellt man sich lauschend & denkt aber an ganz & gar Unwichtiges oder guckt sich die Gesichter der Gäste an.

Eine Ausstellungseröffnung bedeutet Anspannung, Konzentration, Akquise, anstrengende Gespräche mit wichtigen (selten) oder sich wichtig gebärdenden („Wissen Sie, ich male ja auch …“) Menschen. Am Ende ist man betrunken & einen Tag später hat man einen Schädel vom meistens eher schlechten Weißwein. Wer braucht da eine gut gemeinte Untermalung?

K.: Mmh – wie sieht es aus mit den Transportkosten? Wenn ich die großen Arbeiten ausstelle, brauche ich einen Leihwagen – Hasenkamp kommt ja wohl nicht in Frage – hin & zurück plus Spritkosten komme ich da mindestens auf 500 – 600 Euro …

L.:
Bei uns übernimmt der Künstler den Transport. Einen Etat dafür haben wir bis jetzt noch nicht vorgesehen. Hat bis jetzt immer funktioniert …

K. (überlegt eine Weile): Vorschlag: Ich verliere ein paar Worte über meine Arbeit & zwischendurch musiziere ich. Das ersetzt zwar nicht die Transportkosten, da ich ja dann ausschließlich für meine Leistungen als Redner & Musiker bezahlt werde. Aber es würde meine Kosten etwas reduzieren…

L.: Wunderbar! Sie machen Musik? Das wusste ich nicht! Welches Instrument spielen Sie denn? Beziehen Sie sich da auf Ihre Arbeit?

K.: Ich spiele kein Instrument. Aber ich könnte etwas singen.

K.
schießt gerade Tevjes Song: „Wenn ich einmal reich wär’ …“ aus „Anatevka“ durch den Kopf; banal, schließlich geht es doch hier um Höheres, es geht um die Kunst …

L.:
Der Künstler singt selbst? Eine Performance?

K.: Nein, auch keine Performance; aber für die 200 Euro würde ich hier sozusagen debutieren …

L. runzelt die Stirn …

K.:
Sehen Sie ’s mal so: Noch vor der Ausstellungseröffnung haben doch schon eine Menge Leute an & mit meiner Arbeit Geld verdient:

Der Drucker/Grafiker, der für Einladungskarte & vielleicht ein Plakat zuständig ist, Ihr Webdesigner, der Getränkehändler, der Winzer, der Catering-Service, die Versicherung für meine Arbeiten – sofern Sie eine abschließen, der Hausmeister, der mich beim Hängen der Arbeiten unterstützt, Sie, als verantwortlicher kommunaler Angestellter, der die Galerie organisiert, das Unternehmen, das meinen Leihwagen stellt, die Tankstelle, die für die musikalische Umrahmung der Vernissage verantwortlichen Musiker, der Redner, der Fotograf & der Schreiber für die regionale Presse, die Putzfrau, die Aufsicht & eine Unzahl emsiger, fleißiger Menschen, deren Dienste wir vor & während der Ausstellung in Anspruch nehmen werden.

Wenn ich für die musikalische Untermalung sorge, klingelt es mit jedem Takt zur Abwechslung auch in meinem Portemonnaie & das Geld für ein paar verlorene Worte könnte ich gut gebrauchen, um die Übernachtung im Hotel zu zahlen …

L.: Aber vielleicht verkaufen Sie ja was …

Es folgt eine kleine Pause …

K.:
Der Transport geht nach wie vor auf meine Kosten, von den 500 Euro Honorar für Musik & Rede kann ich weder den Leihwagen noch das Benzin vollständig bezahlen …

L.
(immer noch leise): Ehrlich gesagt, darüber haben wir uns hier noch nie Gedanken gemacht.
Mein Vorschlag: Sie erzählen den Besuchern ein bisschen was über Ihre Arbeit & wir verzichten auf Ihr musikalisches Debut. Dafür geben wir Ihnen die 500 Euro & Sie leihen dafür ein großes Auto … ?

K.
willigt ein. Er überlebt die Vernissage & wird sogar für seine verlorenen Worte gelobt. Das Publikum findet K.s Bilder sehr farbenfroh, aber problematisch: „Wer hängt sich denn so was übers Sofa?“

Die Transportkosten belaufen auf rund 600 Euro; L. zahlt auch die zusätzlichen Kosten inclusive Benzin.

Vier Wochen später baut K. die Ausstellung ab. Es war wirklich eine sehr schöne Ausstellung in sehr schönen Räumen. K. war mit einem Farbfoto in der Regionalzeitung.

Tatsächlich hat er eine kleine Arbeit verkauft.

Kommentare:

Susanne Haun hat gesagt…

Auch dieser Text ist klasse, Armin, das mit dem Gesang merke ich mir auf jeden Fall und berichte dann die Reaktion.......

ute schätzmüller hat gesagt…

Oh wie wahr! (leider) Ich habe Ende des Jahres meine erste Ausstellung in einer städtischen
Galerie und es soll sogar etwas Unterstützung für meinen Katalog geben (u.a. in Form eines Ankaufs) - ich bin gespannt was davon am Ende wirklich noch überbleibt...

Viele Grüße und ein Komliment für das kreative Verhandlungsgespräch,

Ute

Armin hat gesagt…

Honorare für einen Redner sowie Honorare für Musiker sind in vielen kleinen & mittleren Kunstvereinen & städtischen Galerien die Regel.

Auch Transportkosten werden gelegentlich zum Teil ersetzt. Ist aus meiner Sicht eine Frage des Verhandlungsgeschicks des Künstlers. Ich habe in den letzten Jahren überwiegend gute Erfahrungen gemacht, wenn ich die Punkte sofort angesprochen habe.

Viele Kollegen sind ja erst mal froh, wenn sie irgendwo ausstellen „dürfen“. Natürlich gibt es auch Räume, in denen man gerne ausstellen möchte, Ausstellungen, die man sich gerne in die Vita schreibt. Möglich, dass man die Geschichte dann als Investition für die Zukunft betrachtet & auch mal einen Kompromiss macht. Aber das sollte die Ausnahme sein.